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Macklemore & Ryan Lewis Live in Stuttgart

Grundsätzlich pflegen Hip Hop und ich seit einigen Jahren eine wechselhafte Beziehung. Früher mal gerne gehört, ist es mir seit einigen Jahren zu viel Oberflächlichkeit, zu viel Gangster-Bla, kurz über einen Kamm geschoren: Hip Hop ist so richtig scheiße geworden.

Aber klar, wo Schatten ist, ist auch Licht. Und das scheint momentan ganz hell auf einen Typ namens Macklemore, den vielleicht der eine oder andere auch schon auf dem Southside in diesem Jahr gesehen hat (hier das ganze Konzi). Großer Auftritt.

Jetzt hat der also in der fiesen Cannstatter Turnhalle gespielt. Achso, hier noch vorab einige Gründe, wieso der Macklemore und sein produzierender Koalitionspartner Ryan Lewis jetzt besser sein sollen als die großmäuligen Rapper mit den (nach eigener Auskunft) immer sehr dicken Pimmeln:

  • steiles Album „The Heist“
  • verlegt im Eigenvertrieb ohne Major-Label o.ä.
  • bezieht politisch Position, z.B. für die Rechte Homosexueller

Und jetzt hab ich auch noch ein weiterer Punkt hinzuzufügen: live eine absolute Granate. Wenn man total übertriebenes Spektakel mag. Das Theater geht pünktlich los, der schwarze Vorhang vor der Bühne fällt. Ohrenbetäubendes Kreischen. Augenblendendes Handyfilmen. Auf der Bühne nicht nur Ryan Lewis, sondern auch eine Cellistin, ein Violinist, ein Trompeter, einer, der alles mögliche spielt, einer an den Synthies. Nebel, Lightshow, alles so schön bunt hier.

Macklemore selber lässt sich auf einer Plattform hochfahren, das geht eigentlich schon mal gar nicht, aber okay, und hat ein Basketballtrikot von den Seattle Super Sonics an. Da kommt er ja her, aus Seattle. Los geht’s mit sehr viel Bass und dem Eröffnungstrack von „The Heist“, “Ten Thousand Hours“. Geht ins Ohr, kennt man sofort. Sowieso: Immer dieses Gedisse, nur weil ein HipHop-Song mal eine knackige Hookline hat. Auf prägnante Hooklines haben schließlich auch schon andere gesetzt, die heute als genrebildend gelten, zum Beispiel A Tribe Called Quest oder De La Soul.

Das ganze weitere Konzert ist ein Mix zwischen „Alter, ist das krass inszeniert“ und „Ha, der Macklemore isch echt nett.“ Er schleimt sich auch sofort übel ein: „It’s so good to be back in Germany, I love the pretzel, I love the schnitzel“. Jaja, scho recht. Aber klar, alle lieben ihn dafür direkt voll, und er hat die Crowd locker in der Tasche.

Er erzählt eine minutenlange Geschichte, wie er morgens in Stuttgart unterwegs war und in einem See schwimmen gegangen ist, und dann hat ihm einer seine Kleider gestohlen, und er ist auf dem Rücken einer hilfsbereiten Oma zu einem Second-Hand-Laden geritten. Spätestens da checkt auch der letzte Hanswurst, dass das eine einstudierte Story für den Song “Thrift Shop“ ist, der jetzt kommt und auch eine knackige Hookline hat. Überhaupt, eigentlich ist Macklemore gar kein besonders guter Rapper und säuft dazu in der Schleyerhalle soundmäßig auch noch ziemlich ab. Aber die Beats vom Ryan Lewis sind schon mächtig gut, das finden auch der Plan B von den Orsons und der Cro-DJ Psaiko Dino, die auch im Pressebereich rumlungern.

Weiter geht’s mit viel Show, endlosen Liedansagen und ballerndem Bass. Die Band geht gut ab, es gibt natürlich auch drei  Tänzerinnen, Kostüm- und Dekowechsel und eine durchgestylte Videoshow. Alles total übertrieben, aber auch total unterhaltsam. „Das mit dem Show-Ding, das haben die schon drauf, die Amis“, sagt einer auf dem Klo. Sogar die langsameren Stücke, die besonders im HipHop oft zu schleimtriefenden Kitschschnulzen verkommen, meistert der Macklemore ganz erträglich, zum Beispiel “Same Love“. Darin plädiert er, im Gegensatz etwa zu diesem Barilla-Kerl, für gleichgeschlechtliche Liebe und behauptet: „I believe in equality, passion, tolerance, love.“ Cool, ich auch, alle anderen auch.

Ich schaffe es jedenfalls locker, mich über diese krasse Inszenierung nicht zu sehr aufzuregen. So eine Macklemore-Show ist nämlich eine großartige Fete für sehr viele (diesmal: 13.000) sehr junge Leute. Wie die sich alle freuen, da kann ich gar nicht anders, als mich voll mitzufreuen. Macklemore ist aber auch ein super role model, Drogenkarriere hinter sich gelassen, von der Musik und seiner Kreativität geläutert, jetzt erfolgreich, moralisch integer und modisch sowie bildästhetisch absolut auf der Höhe.

Als Zugabe kommt dann unter anderem “And We Dance” und “Irish Celebration“. Letzteres existiert wahrscheinlich, weil Macklemore irische Vorfahren hat, schließlich heißt er ja auch Haggerty mit Nachnamen. Dazu fällt dann auch so eine riesige irische Fahne im Bühenhintergrund runter. „Whisky in our veins“ behautet er da. Schon bissle peinlich, so als würde ich jetzt irgendwie ein Lied über Ostpreußen singen, wo irgendein Ur-Ur-Ur-Opa von mir mal irgendwann Hufschmied war. Und auch “Can’t hold us“ spielt er zum zweiten Mal, was ich immer peinlich finde. Ich erinnere mich an ein Konzert von Fool’s Garden, wo sie dreimal “Lemon Tree” gespielt haben. Aber da die Konfettikanone noch mal angeht und die Nebelmaschinen und die Tänzerinnen auch noch mal kommen, ist es doch ein absolut würdiger Abschluss für einen superspaßigen Abend. Besser als Zirkus. Ein größenwahnsinniges, völliges übertriebenes Rap-Varieté. Schön!

Die Hälfte der ausnahmslos in H&M gewandeten Zuschauer werden nach dem Konzert von Papa im SUV abgeholt und zurück auf die Alb hochgefahren. Das ist zweifelsohne nett von Papa, aber ich muss mit der Bahn fahren, die voller übelriechender Teenies in Plastikturnschuhen ist, und eine kippt an der Staatsgalerie auch noch um. Dennoch: ja, das war es wert.

Text: Gig-Blog.net