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CRO Live in Stuttgart

Wasen und Fußball und Cro, alles an einem Abend. Da ist es halt auch kein Wunder, dass die U11 etwa so voll ist wie ein Bierzeltler nach sechs Maß. Und zum höheren Alkoholgehalt des Volksfestbieres kommt ja immer auch der Schuss Wahnsinn, der da drin ist. Aber das ist eine andere Geschichte und auch gar nicht so wild, wir werden nämlich von Halbhöhenlage-Muttis mit ihren Kindern in Reiterjacken flankiert. Auf dem Weg in die Schleyerhalle. Sicher also. Die aber wundern sich, warum da Flaschen im Eingangsbereich liegen. Jarhead, Alter. Ohne Militär: Willkommen im Dreck!

Nach einer verwirrenden Schnitzeljagd durch die Labyrinthgänge der Schleyerhalle (in der letzten Endes gar kein Schnitzel vorkommt, aber Pommes), finden wir endlich unsere Plätze. Wir lauschen den letzten Songs von Teesy, der für den Pandarapper (#1) eröffnet. Ihn unterstützt mal kurzzeitig Rapper Kaas von den Orsons, dann aber ist’s vorbei. Das ist gar nicht mal so schlecht, aber es ist den Leuten anzumerken: Man will Cro sehen. Und “man” heißt, die komplette Schleyerhalle. Voll und arg und laut. Kein Platz mehr, ausverkauft. “Wollt ihr Cro sehen?”, schreit Teesy. Alle schreien, alle wollen.

In der Pause habe ich genügend Zeit, einen Kondenswassertropfen vor mir her zu pusten. Der leuchtet schön lila, dann startet Psaiko Dino, der DJ des Pandarappers (#2), mit einer Videobotschaft. Was er da so genau sagt, vergesse ich schnell wieder, aber dann kommt der Countdown. Fünf Minuten noch. Zeit, um Carlo Waibel vorzustellen. Zumindest der Name ist bekannt. Offiziell ist er 20, eigentlich wohl 3 Jahre älter. Er ist Rapper, Sänger, Produzent und Designer – und nebenbei verkauft er Klamotten. Und hat im letzten Jahr einen erstaunlichen Hype ausgelöst. Chimperator, Stuttgart, der Babo ist der Chabo und alles. An der Spitze des deutschen HipHops. Mit Pop. Geil.

Das Konzert am frühen Abend (man konzentriert sich auf das junge Publikum) wird live in verschiedenste Kinos übertragen und ist der Abschluss der Tour. Die Zahlen auf den Leinwänden sprechen mal von 170.000 und mal von 250.000 Zuschauern. Sind auf jeden Fall viele. In diesem Jahr hat er sein Album von 2012 nochmal neu aufgelegt, mit fünf zusätzlichen Songs. Passenderweise heißt es auch Raop +5. Dass er so ziemlich alles selbst produziert, davor kann man schon mal den Hut ziehen. Uuuuund…. Los!
Und alles finde ich um einiges besser als erwartet. Mit seiner Maske kommt der Pandarapper (#3) im weißen T-Shirt und grauen Jeans auf der Bühne und rappt über eingängige Popbeats, die selten die drei Minuten-Marke überschreiten.

Wie bei Sigur Rós sind relativ pünktlich gegen acht nur die Schatten hinter einem Vorhang zu sehen, den sie Kabuk(k)i nennen. Das ist wohl auch ein japanisches Theater, hat aber dann damit doch nix zu tun. Hoffe ich. Sonst, zack, Blamage. “Hi Kids”, “Einmal um die Welt“, “Whatever” und so weiter. Das sind die Hits und die werden gespielt. Jedes Mal, wenn Cro… Ich hatte immer den Eindruck, dass das was mit Kroatien zu tun hat. Hrvatska, Tulum und šljivovica halt…. Jedes Mal also, wenn Cro nicht rappt und auch die Musik für zwei Takte ruhig ist, hört man ein paar tausend Stimmchen, die jedes Lied Zeile für Zeile mitsingen (fett doubletime) und das ist rührender als gedacht. Ich bin zwar arg sensibel, der ganze Tag war ein Kater. Trotzdem. Aber vermutlich gibt es halt zwischen 10 und 16 auch wenig geileres, als bei dem Konzert von dem, der einem aus der Seele spricht, zu stehen und zu hoffen, auf die Bühne geholt zu werden.

Und man interagiert auch mit dem Publikum. Das ist ganz nett, wirkt dann aber doch ein wenig steif und geplant. Da holen sie den “Marc” auf die Bühne und machen mit dem ein Foto. Aber so wirklich scheint sich da dann doch niemand darüber zu freuen. Cro wirft mal ein Wasser in die Menge und Bandmitglied Tim verteilt zu irgendeinem Song ebenfalls Getränke. Auch weiterhin muss nur ein Ton angespielt werden, dass aller und jeder ausflippt. Neben mir tanzt ein kleiner Kerl mit allen erdenklichen Moves. Auch, wenn sonst keiner steht. Fan halt. Dann wird mit Pullis und Jacken und Handtüchern in der Luft herumgewirbelt und in der Pause grabbelt mir auf dem Klo irgendein Typ mit seinen schmierigen Urinhänden am Rücken rum. Zwischendurch dann sehen wir Ballettänzerinnen und Teesy auch noch mal. Und Cro wechselt von weiß auf lila. T-Shirt mäßig.

Vor der Zugabe dann sprüht Feuer in die Luft und wenn man es nicht besser wüsste, man könnte sich glatt bei Rammstein wähnen. Die machen die Schleyerhalle nämlich auch voll und zündeln mögen die auch. Ja, jetzt, zack, Zugabe. Easy zum Publikumsgesang und ‘nem Medley und bunt und Party und Pop und Rap. Da wird sich gefreut und geschrien und Konfetti regnet herunter. Cro, the baddest motherfucker in town. Alle springen und es sei ihm gegönnt. Er hat ihn und bringt ihn und auch das Zuschauen machts: Spaß. Mehr als ich dachte. Ganz zum Schluss dann schlagen Raketen von hinten in der Bühne ein und alles explodiert und Flammen schießen in die Höh’. Party, party, törötötö.
Oh, schau mal. Erst zwanzigvorzehn.

Text: Gig-Blog.net


Macklemore & Ryan Lewis Live in Stuttgart

Grundsätzlich pflegen Hip Hop und ich seit einigen Jahren eine wechselhafte Beziehung. Früher mal gerne gehört, ist es mir seit einigen Jahren zu viel Oberflächlichkeit, zu viel Gangster-Bla, kurz über einen Kamm geschoren: Hip Hop ist so richtig scheiße geworden.

Aber klar, wo Schatten ist, ist auch Licht. Und das scheint momentan ganz hell auf einen Typ namens Macklemore, den vielleicht der eine oder andere auch schon auf dem Southside in diesem Jahr gesehen hat (hier das ganze Konzi). Großer Auftritt.

Jetzt hat der also in der fiesen Cannstatter Turnhalle gespielt. Achso, hier noch vorab einige Gründe, wieso der Macklemore und sein produzierender Koalitionspartner Ryan Lewis jetzt besser sein sollen als die großmäuligen Rapper mit den (nach eigener Auskunft) immer sehr dicken Pimmeln:

  • steiles Album „The Heist“
  • verlegt im Eigenvertrieb ohne Major-Label o.ä.
  • bezieht politisch Position, z.B. für die Rechte Homosexueller

Und jetzt hab ich auch noch ein weiterer Punkt hinzuzufügen: live eine absolute Granate. Wenn man total übertriebenes Spektakel mag. Das Theater geht pünktlich los, der schwarze Vorhang vor der Bühne fällt. Ohrenbetäubendes Kreischen. Augenblendendes Handyfilmen. Auf der Bühne nicht nur Ryan Lewis, sondern auch eine Cellistin, ein Violinist, ein Trompeter, einer, der alles mögliche spielt, einer an den Synthies. Nebel, Lightshow, alles so schön bunt hier.

Macklemore selber lässt sich auf einer Plattform hochfahren, das geht eigentlich schon mal gar nicht, aber okay, und hat ein Basketballtrikot von den Seattle Super Sonics an. Da kommt er ja her, aus Seattle. Los geht’s mit sehr viel Bass und dem Eröffnungstrack von „The Heist“, “Ten Thousand Hours“. Geht ins Ohr, kennt man sofort. Sowieso: Immer dieses Gedisse, nur weil ein HipHop-Song mal eine knackige Hookline hat. Auf prägnante Hooklines haben schließlich auch schon andere gesetzt, die heute als genrebildend gelten, zum Beispiel A Tribe Called Quest oder De La Soul.

Das ganze weitere Konzert ist ein Mix zwischen „Alter, ist das krass inszeniert“ und „Ha, der Macklemore isch echt nett.“ Er schleimt sich auch sofort übel ein: „It’s so good to be back in Germany, I love the pretzel, I love the schnitzel“. Jaja, scho recht. Aber klar, alle lieben ihn dafür direkt voll, und er hat die Crowd locker in der Tasche.

Er erzählt eine minutenlange Geschichte, wie er morgens in Stuttgart unterwegs war und in einem See schwimmen gegangen ist, und dann hat ihm einer seine Kleider gestohlen, und er ist auf dem Rücken einer hilfsbereiten Oma zu einem Second-Hand-Laden geritten. Spätestens da checkt auch der letzte Hanswurst, dass das eine einstudierte Story für den Song “Thrift Shop“ ist, der jetzt kommt und auch eine knackige Hookline hat. Überhaupt, eigentlich ist Macklemore gar kein besonders guter Rapper und säuft dazu in der Schleyerhalle soundmäßig auch noch ziemlich ab. Aber die Beats vom Ryan Lewis sind schon mächtig gut, das finden auch der Plan B von den Orsons und der Cro-DJ Psaiko Dino, die auch im Pressebereich rumlungern.

Weiter geht’s mit viel Show, endlosen Liedansagen und ballerndem Bass. Die Band geht gut ab, es gibt natürlich auch drei  Tänzerinnen, Kostüm- und Dekowechsel und eine durchgestylte Videoshow. Alles total übertrieben, aber auch total unterhaltsam. „Das mit dem Show-Ding, das haben die schon drauf, die Amis“, sagt einer auf dem Klo. Sogar die langsameren Stücke, die besonders im HipHop oft zu schleimtriefenden Kitschschnulzen verkommen, meistert der Macklemore ganz erträglich, zum Beispiel “Same Love“. Darin plädiert er, im Gegensatz etwa zu diesem Barilla-Kerl, für gleichgeschlechtliche Liebe und behauptet: „I believe in equality, passion, tolerance, love.“ Cool, ich auch, alle anderen auch.

Ich schaffe es jedenfalls locker, mich über diese krasse Inszenierung nicht zu sehr aufzuregen. So eine Macklemore-Show ist nämlich eine großartige Fete für sehr viele (diesmal: 13.000) sehr junge Leute. Wie die sich alle freuen, da kann ich gar nicht anders, als mich voll mitzufreuen. Macklemore ist aber auch ein super role model, Drogenkarriere hinter sich gelassen, von der Musik und seiner Kreativität geläutert, jetzt erfolgreich, moralisch integer und modisch sowie bildästhetisch absolut auf der Höhe.

Als Zugabe kommt dann unter anderem “And We Dance” und “Irish Celebration“. Letzteres existiert wahrscheinlich, weil Macklemore irische Vorfahren hat, schließlich heißt er ja auch Haggerty mit Nachnamen. Dazu fällt dann auch so eine riesige irische Fahne im Bühenhintergrund runter. „Whisky in our veins“ behautet er da. Schon bissle peinlich, so als würde ich jetzt irgendwie ein Lied über Ostpreußen singen, wo irgendein Ur-Ur-Ur-Opa von mir mal irgendwann Hufschmied war. Und auch “Can’t hold us“ spielt er zum zweiten Mal, was ich immer peinlich finde. Ich erinnere mich an ein Konzert von Fool’s Garden, wo sie dreimal “Lemon Tree” gespielt haben. Aber da die Konfettikanone noch mal angeht und die Nebelmaschinen und die Tänzerinnen auch noch mal kommen, ist es doch ein absolut würdiger Abschluss für einen superspaßigen Abend. Besser als Zirkus. Ein größenwahnsinniges, völliges übertriebenes Rap-Varieté. Schön!

Die Hälfte der ausnahmslos in H&M gewandeten Zuschauer werden nach dem Konzert von Papa im SUV abgeholt und zurück auf die Alb hochgefahren. Das ist zweifelsohne nett von Papa, aber ich muss mit der Bahn fahren, die voller übelriechender Teenies in Plastikturnschuhen ist, und eine kippt an der Staatsgalerie auch noch um. Dennoch: ja, das war es wert.

Text: Gig-Blog.net